
von Migration durchlebt und meine Auffassung einer fluiden Identität
mitgeprägt hat, in der das Subjekt vielschichtig, dynamisch und mehrfach
zugehörig denkbar wird.
Die Geschichte Europas wurde im 20. und 21. Jahrhundert maßgeblich von Migration und Mobilität geprägt, dennoch ist dieses Thema in österreichischen Museen nach wie vor unterrepräsentiert. Der Erhalt von Dokumenten und Materialien zur Migrationsgeschichte ist daher vor allem dem Einsatz engagierter Einzelpersonen aus migrantischen Gemeinschaften zu verdanken, ohne deren Repräsentationskämpfe und Eigeninitiativen eine historische Aufarbeitung und museale Darstellung von Migration kaum möglich wäre. Um zu zeigen, wie temporäre historische Ausstellungen und österreichische Museen mit Differenz, kultureller Dynamik und Migration umgehen, werden in der Arbeit Migrationsgeschichte ausstellen. Eine Analyse musealer Repräsentation die musealen Praktiken des Sammelns, Strukturierens und Präsentierens untersucht und im Hinblick auf eine transkulturelle kuratorische Praxis besprochen.
1. Foyer: Musealisierung von Migration
Eine Arbeit zur Migrationsgeschichte könnte vieles besprechen. Sie könnte sich um eine Geschichte diasporischer Gesellschaften drehen: von schweifenden Nomad~innen bis hin zu flüchtenden Refugees. Ebenso könnte eine Untersuchung der Migration die Geschichte einer bestimmten ethnischen Volksgruppe liefern. Eine solche Darstellung der Migration bietet diese Arbeit nicht. Vielmehr folge ich der Migration ins Museum und beschäftige mich mit der wunschvollen Inszenierung einer idealen Ausstellung im österreichischen Kontext. Aber, wie der Museologe und Ausstellungsmacher Micheal Fehr in seinem Aufsatz zum Wunschmuseum schreibt: »Das Museum, das ich mir wünsche, gibt es nicht« (Fehr 2004: S. 197) und weiters bemerkt, dass dieses Museum nur als Interpolation bestehender Museen und verschiedener künstlerischer Arbeiten beschrieben werden kann. Mein eigenes Wunschmuseum wäre ein Ort, an dem gezeigt wird, dass Österreich seit Jahrhunderten ein Land ist, in dem man ankommt und bleibt und die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts maßgeblich von Flucht, Vertreibung, Migration und grenzüberschreitender Mobilität geprägt ist. Genauer gesagt, befanden sich mehr als 30 Millionen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Bewegung, darunter ehemalige NS-Zwangsarbeiter~innen, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene sowie Vertriebene aus Mittel-und Südeuropa. Verstärkt geriet das Thema Migration in den medialen Fokus, als der Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre weitere Migrationsbewegungen auslöste (vgl. Wonisch 2020: S. 224). Trotz der mittlerweile seit 30 Jahren andauernden Präsenz in den Medien, ist die Geschichte der Migration in Österreich im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung entweder kaum oder nur verzerrt verankert. Dieses Bewusstsein basiert auf einem Selbstbild, welches sehr stark auf einer vermeintlichen Stabilität und Homogenität der Bevölkerung gründet, die es in dieser Form jedoch nie gegeben hat. Paradoxerweise wird die Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie (1867-1918) und der damit verbundene Zuzug nach Wien als identitätsstiftend empfunden, ausgeblendet bleibt hingegen die jüngere Geschichte der Zuwanderung in den 1960er-Jahren durch die Arbeitsmigration vor allem aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland und Italien (vgl. Jakubowicz 2018: S. 64). In der offiziellen Geschichtsschreibung haben Themen wie Zuwanderung und Migration somit einen geringen Stellenwert, was nicht zuletzt auch dadurch begünstigt wird, dass viele Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft weiterhin keine ausdifferenzierte Auseinandersetzung mit der österreichischen Migrationsgeschichte erwarten, weil es ihnen lediglich um die Bestätigung bekannter Narrative geht, die ihre nationale Identität nicht gefährden (vgl. ebd. 2018: S. 66). Daher nimmt Migration in der österreichischen Gedächtnis- und Erinnerungspolitik kaum eine bedeutende Rolle ein, weshalb auch Museen dem Thema wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht haben (vgl. Hintermann 2012: S. 115f).

Wie die Museumswissenschaftlerin Sharon Macdonald in ihrem Buch Theorizing Museums (1996) schreibt, spiegeln Museen paradigmatisch gesellschaftliche Prozesse sowie die Formung und Vermittlung von Macht, Gedächtnis, Erinnerung, Identität und Differenz wider (vgl. Macdonald 1996: S. 2f.). Was bedeutet das für Österreich angesichts der Tatsache, dass die langfristigen Bestrebungen zur historischen Aufarbeitung von Migration nur sehr langsam Einzug in die österreichischen Museen finden und es kein eigenes Migrationsmuseum in Österreich gibt? Es könnte schlicht angenommen werden, dass dies eine bewusst hervorgebrachte Lücke in der staatlichen Erinnerungspolitik ist:
Der Staatsapparat reguliert die Bedeutung von Symbolen aus der Vergangenheit und sorgt dafür, dass über Schulbücher, Museen, Straßennamen, Feiertage usw. nur bestimmte Inhalte in der Öffentlichkeit verbreitet werden. Die Schlüsselfrage lautet: WESSEN und WARUM wird gedacht? (Bratić 2020: S. 97; Hervorh. im Orig.)
Die Interessensasymmetrie, die durch rassistisch motivierte Überzeugungen gerechtfertigt wird, zeigt sich unmittelbar darin, »[…] was als wissenswert und was als nebensächlich angesehen wird, was als wichtig gesammelt und was als unwichtig für ein Andenken angesehen wird« (ebd. 2020: S. 97f.). Neben ihren jeweiligen migrantischen Realitäten haben Migrant~innen jedoch tatsächlich auch Anteil an der nationalstaatlichen Erzählung und prägen die kollektive Alltagswelt durch ihre jeweiligen Handlungen. Um dieser Tatsache Anerkennung in allen gesellschaftlichen Bereichen zukommen zu lassen, könnte Migration als Querschnittsmaterie in Museen verschiedenster Ausrichtungen Einzug finden, anstatt die Thematik in einem speziell ausgerichteten Migrationsmuseum zu ›isolieren‹. Dies würde die Migration von Personen, Waren und Ideen nicht zuletzt als ein zentrales gesellschaftliches Thema deutlich machen. Schließlich geht es darum, Diversität als grundlegende Differenzkategorie in allen Ausstellungs- und Museumskonzepten zu reflektieren.[1] Damit ist die Forderung nach einem eigens dafür eingerichteten Museum aber gerade in unserer heutigen Zeit nicht verstummt. Europa steht nicht zuletzt erneut vor Gefahren, die von einem wachsenden Nationalismus ausgehen. Anstatt sich mit den Hintergründen von Fluchtbewegungen und Migrationsströmungen zu konfrontieren, instrumentalisieren rechtsextreme und populistische Parteien soziale Konflikte, indem sie Migration oftmals als alleinige Ursache für gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Probleme ins Feld führen. Als Zentrum für marginalisierte Kunst, Kultur und Geschichte, in dem eine umfassende Erzählung jenseits ethnischer Zuschreibungen erzählt wird, könnte das Migrationsmuseum dieser Tendenz entgegentreten.
1.1 Migrationsmuseum: Grenzen und Potenziale
Die Forderung, Migration stärker in Museumsausstellungen zu integrieren, zielt darauf ab, das kulturelle Gedächtnis von Migrant~innen zu bewahren und ihre vielschichtige Identität anzuerkennen. Bestehende (Geschichts-)Museen stehen dabei vor der Herausforderung neue Erzählungen und Objektbestände zu integrieren, um den Blick auf globale Verflechtungen zu richten und ihre nationale sowie eurozentristische Perspektive gleichsam in Frage zu stellen. Historisch betrachtet waren die frühen Kunst- und Wunderkammern der Renaissance, in denen seltene Kunstwerke, Naturalien sowie Instrumente aufbewahrt wurden, zwar unter einer globalen Perspektive angelegt worden, doch wurden die dort dargestellten Gesellschaften als primitiv und rückständig beschrieben, um sie einer vermeintlich überlegenen (alt-)europäischen Gesellschaft gegenüberzustellen, in der die Vorstellung einer ethno-nationalen Eigenheit verbreitet und die Idee von homogenen und unterscheidbaren Nationalkulturen gleichsam materialisiert und das Kolonialsystem zugleich gerechtfertigt werden konnte.
In Imagined communities (1983) verfolgt der Politikwissenschaftler Benedict Anderson die Verbindung zwischen Kolonialismus und Nationenbildung und macht deutlich, dass der europäische Kolonialismus sowohl kulturelle, politische als auch ökonomische Machtverhältnisse kreierte, wobei vor allem Museen eine zentrale Bedeutung im Prozess der Durchsetzung nationaler Vorstellungen zukommt. Anderson konnte zeigen, dass historische Museen ein umfassendes Raster auf alles anwendeten, was vermeintlich unter der Kontrolle des Staates stand, einschließlich Menschen, Regionen, Sprachen und Denkmäler etc. Produziert wurde eine Art Serialisierung, in der das zählbare Partikulare stets eine vorläufige Abbildung einer replizierenden Pluralität darstellte (vgl. Anderson 2016 [1983]: S. 184). Folglich ist diesem Institutionsformat eine koloniale Praxis zutiefst eingeschrieben, wobei das moderne Museum als Disziplinierungsraum nationalen Wissens verstanden werden kann, in dem die west-europäische Zuschauer~innenschaft im Unterschied zum kolonialisierten Rest der Welt als privilegierte Nation angerufen und durch die Mittel der Instruktion zugleich »poliziert« werden konnte.[2]
In Bezug auf die Regierungs- und Verwaltungswissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts hat der Soziologe Tony Bennett in seinem Artikel Putting Policy into Cultural Studies (1992) auf die polizeiwissenschaftliche Logik von Ausstellungsinstitutionen hingewiesen und gezeigt, dass diese Logik darin besteht, eine öffentliche Ordnung durch subtile Lenkung herstellen zu wollen:
It is only with the Enlightenment and its aftermath that artistic and intellectual practices come to be thought of as instruments capable of being utilized, in a positive and productive manner, to improve specific mental or behavioral attributes of the general population – usually as parts of programs of citizen formation. [….] The civilizing function attributed to the visual arts in the nineteenth century depended directly on that new cultural technology, the public art museum. […] a programmed experience in which the visitor is addressed not, as in earlier princely collections, as a subject but in the role of an ideal citizen – a member of an idealized ›public‹ and heir to an ideal, civilized past (Bennett 1992: S. 28).
Bennett verweist in diesem Zitat letztlich nicht nur auf einen polizeilichen Ordnungswillen, sondern macht zugleich auf die symbolischen Normen aufmerksam, die ein hegemoniales Bildungsbürgertum hervorbringen. Zwar ist das Museum in seiner Konzeption ein Instrument für den kollektiven Besitz von Kulturgütern, die gleichermaßen frei zur Verfügung stehen, doch hat es in der Praxis eher als Mittel zur Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen fungiert, mit denen die Bourgeoisie im 19. Jahrhundert die symbolischen Grenzen ihrer Verhaltensformen gegenüber der Arbeiterklasse zur Schau stellte (vgl. ebd. 1992: S. 30). Tatsächlich basiert dieser Diskurs auf einer starren Bedeutungszuschreibung, bei der die Darstellung des gänzlich ›Anderen‹ hervorgehoben und die Konstruktion eines überlegenen und souveränen Selbst zugleich vollzogen wird.
Was den Darstellungs- bzw. Repräsentationsbegriff betrifft, so wurde dieser in den Wissenschaften vielfach diskutiert und ausführlich behandelt. Einer konstruktivistischen Perspektive folgend, beschreibt Repräsentation keine direkte Wiedergabe einer bestimmten Wirklichkeit, sondern vielmehr die Herstellung einer Wirklichkeit durch eine bestimmte Art und Weise der Darstellung (vgl. Böse 2005: S. 121). In seinem Buch Representation. Cultural Representations and Signifying Practices (1997) untersucht der Soziologe und Mitbegründer der britischen Cultural Studies, Stuart Hall, wie Identitäten in ethnischer, nationaler und sozialer Hinsicht dargestellt und in wirtschaftliche und politische Diskurse integriert werden. Dabei spielen Museen eine zentrale Rolle, da sie als Orte kultureller Praxis Plattformen zur Verfügung stellen, auf denen Repräsentationsbedürfnisse vollzogen, gesellschaftliche Debatten und Auseinandersetzungen geführt und individuelle wie auch kollektive Geschichten erzählt werden. Zu der repräsentativen Funktionsweise der Museen bemerkt Hall:
Museums do not simply issue objective descriptions or form logical assemblages; they generate representations and attribute value and meaning in line with certain perspectives or classificatory schemas which are historically specific. They do not so much reflect the world through objects as use them to mobilize representations of the world past and present (Hall 1997: S. 160).
Mit anderen Worten: Die Absichten und Effekte, mit denen etwas in Ausstellungen präsentiert oder ausgelassen wird, sind eng mit gesellschaftlichen Konventionen, Normen und Idealen verbunden, die wiederum an spezifische Interpretationsinstanzen und -muster anknüpfen. Ausstellungen bieten somit eine bestimmte Perspektive auf die Welt und schaffen kulturelle Zusammenhänge, wobei sie eine entscheidende Rolle im Prozess der Generierung, Aushandlung und Vermittlung von Formen des Wissens, Denkens und Erzählens spielen und daher einen großen Einfluss auf menschliches Handeln haben (vgl. Lutz 2022: S. 11). Da Ausstellungen ein mächtiges Erkenntnis- und Repräsentationssystem darstellen, wird das Museum institutionskritisch als produktiver Ort der Machtausübung kontextualisiert und hinterfragt: Wer spricht im Museum? Wessen Geschichten werden gezeigt und besprochen und welche Identitäten und Ausschlüsse werden dabei produziert und legitimiert? Kurz: Wem gehört das Museum und welche Lücken sind feststellbar?
In seinem Aufsatz Überlegungen zu einem ›Migrationsmuseum‹ in der Bundesrepublik (2009) hat der Museologe und Ausstellungsmacher Michael Fehr das Museum folglich als eine Institution der Segregation beschrieben und damit gegen den Vorschlag argumentiert, Migrationsbewegungen in speziell dafür gestalteten Museen zu präsentieren:
Museen sind aber deshalb Institutionen der Segregation, weil sie sich wiewohl öffentliche Einrichtungen, unausgesprochen nur an bestimmte gesellschaftliche Gruppen wenden, an Gruppen, die mit den von ihnen jeweils propagierten Inhalten umzugehen verstehen oder sie zumindest als wie auch immer begründete Werte akzeptieren. Menschen, denen diese Inhalte nicht geläufig sind oder die nicht gelernt haben, mit dem Format Museum umzugehen, bleiben daher von einem möglichen Bildungserlebnis meistens ausgeschlossen, weil ihnen die Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen, zu erkennen, dass alles, was in den Museen vorgezeigt wird, auf eine bestimmte Weise zugerichtet ist: Dass Museen Konstrukte sind, die aus bestimmten Interessen heraus angelegt werden – und auf der Grundlage anderer Fragestellungen auch anders argumentieren könnten (Fehr 2009: S. 268).
Die Vorstellung, dass ausschließlich Deutungseliten bestimmte Richtlinien im Museum durchsetzen, greift jedoch zu kurz, da zahlreiche Akteur~innen mit teilweise gegensätzlichen Vorstellungen an diesem Prozess beteiligt sind und auch die Rezeption des Publikums nicht passiv verläuft. Daher gilt es das Museum als »umkämpftes Terrain« (Baur 2009: S. 34) zu begreifen, in dem Fragen um Definitionsmacht, Ermächtigung und Identifikation verhandelt werden. Was im Museum unter welchen Bedingungen und aufgrund welcher Autorität gesehen oder nicht gesehen wird, knüpft daher auch eng an die Konstruktion von Identitäten an, die diskursiv durch entsprechende Symbolsysteme und Wertorientierungen hergestellt werden, deren Strukturen wiederum perspektivisch und historisch veränderbar sind.
Um an den traditionellen Vorstellungen rassistischer Identitäten zu rütteln, hat der Schriftsteller, Politiker, Psychiater und Vordenker der Entkolonialisierung Frantz Fanon (1925-1961) koloniale Beziehungen in seinem Werk Schwarze Haut, Weiße Maske bereits 1952 als dynamisch beschrieben und deren instabile psychische Konstellation erläutert. Indem Fanon koloniale Beziehungen auf intersubjektiven Ebenen behandelt, wird es ihm möglich die Einteilung kolonialer Subjekte in binäre Oppositionen zu unterlaufen und ein fließendes Verständnis von Identität begreiflich zu machen, in dem die ›Tatsache‹ eines Schwarz- und Weißseins verworfen wird. Über die Art und Weise hinausgehend, wie die Transparenz des Weißseins in den Whiteness Studies infrage gestellt wird, kann Fanon zeigen, dass die historische Autoritätsstrategie des Weißseins immer schon gespalten und bedroht war (vgl. Castro Varela / Dhawan 2015: S. 224). Nicht von ungefähr, stellen sich imperiale Subjekte als das Gegenteil des ›Anderen‹ dar, in dessen Abhängigkeit die eigene Identität aber kontinuierlich untergraben wird. So wird es den kolonisierten Subjekten vor allem in den Rissen des dominanten Diskurses möglich, den kolonialen Prozess effektiv zu durchbrechen und für sich anzueignen.
Auch in musealen Inszenierungen eröffnen Lücken in Sammlungen, Verzeichnissen und Beschreibungen neue Kombinationen, die Unerwartetes möglich machen. Inszenierung meint zunächst nichts anderes als die Anordnung von Exponaten im Zusammenspiel mit der Architektur, dem Licht, dem Text, dem Ton sowie der zugewiesenen Positionierung der Besucher~innen. Dabei entwickelt jede Ausstellung, so der Kunsthistoriker Hubert Locher in seinem Buchbeitrag Die Kunst des Ausstellens. Anmerkungen zu einem unübersichtlichen Diskurs (2015),
[…] eine spezifische Rhetorik, die sich in der jeweiligen besonderen Realisierung eines Zeigegestus artikuliert, der sich in unendlich vielfältiger Weise ausführen lässt, durch Disposition des Objekts im Raum bzw. an der Wand, durch Rahmung, Sockel, Vitrinen, Beleuchtung, durch eine mehr oder weniger aufwendige Infrastruktur. Andererseits wird eine spezifische Aussage schon durch die Setzung alleine konstruiert, indem Objekte aus einem Fundus gewählt und in einer bestimmten Weise kombiniert werden, womit dem einzelnen Objekt ein bestimmter Kontext zugewiesen wird (Locher 2015: S. 45).
Eine Rhetorik also, die sich nicht nur in sprachlichen oder textuellen Diskursen manifestiert, sondern auch durch nonverbale Formen der Raumerfahrung geprägt wird, in der sich das Publikum dem Zufall entsprechend bewegen und der Desorientierung eine Chance einräumen kann. Und weil es das Museum als objektive Wissensinstitution folglich gar nicht gibt, stellt sich die Frage, welche Vorstellungen von Migration in Museen und Ausstellungen unterlaufen und verändert werden können.
1.2. Ausstellungen zur Migration im (inter-)nationalen Überblick
Weltweit ist festzustellen, dass die traditionellen Einwanderungsländer seit geraumer Zeit in verschiedenen spezialisierten Einrichtungen dem Thema Migration Aufmerksamkeit schenken. 1986 wurde das älteste Einwanderungsmuseum, das Migration Museum, in Adelaide, Australien, eröffnet. Das Ellis Island Immigration Museum in New York, das 1990 neu gegründet wurde, zählt mittlerweile zu den bekanntesten Einwanderungsmuseen der Welt.[3] Auch in zahlreichen nationalen Geschichtsmuseen hat das Thema Migration einen festen Platz gefunden. Erwähnenswert sind das National Museum of American History, das kanadische Museum of Civilization, das National Museum of Australia und das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa (vgl. Bauer 2009: S. 11f.).
Um Deutschland als Einwanderungsland zu verstehen, wird in Köln mit DOMiD, dem Dokumentationszentrum und Museum über Migration in Deutschland e.V. ein Museum der Migration gefordert. Hier entstand bereits in den späten 1980er-Jahren ein Migrationsarchiv türkischer Intellektueller, die beschlossen der kollektiven Geschichtsvergessenheit entgegenzutreten und »Geschichte von unten« zu schreiben. Das Archiv der migrantischen Selbstorganisation hat zu einem Bestand von mehr als 150.000 Artefakten und Alltagsgegenständen geführt, in dem Fotografien, Interviews und Zeugnisse zu sämtlichen Migrationsformen nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert werden.
In Österreich gibt es zwar (noch) kein Museum der Migration, jedoch sind inzwischen einige Ausstellungen über Migration umgesetzt worden. In Wien wurde 1996 ein erster Versuch unternommen, die Geschichte der Einwanderung in der Ausstellung WIR. Zur Geschichte und Gegenwart der Zuwanderung nach Wien zu sammeln und darzustellen. Diese Wanderausstellung thematisierte die verschiedenen Kulturen, die nach Wien eingewandert sind und heute einen wesentlichen Teil der Wiener Bevölkerung ausmachen. Im Jahr 2003 kuratierte der Migrationsforscher Michael John die Ausstellung Migration. Eine Zeitreise nach Europa, die im Lokalmuseum Arbeitswelt Steyr gezeigt wurde. Im Ausstellungskatalog findet sich ein Überblick über die Migration der sog. Gastarbeiter~innen ab den 1960er-Jahren, eine Analyse des regionalen Arbeitsmarkts in Oberösterreich sowie Facetten der Multikulturalität, wobei ein Fokus besonders auf die Musikszene gelegt wurde. 2004 realisierte die Initiative Minderheiten die Ausstellung Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration im Wien Museum. Ziel dieser Ausstellung war es, die Geschichte der österreichischen Migration seit den 1960er-Jahren darzustellen und gängige Stereotypen sowie Bilder zu hinterfragen. Um das zukünftige Museum der Migration als ein Zentrum für eine fundierte Beschäftigung mit der Einwanderungsgesellschaft zu gestalten, ist eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten und Geschichten erforderlich. Daher initiierten die beiden an der Gastarbajteri-Ausstellung beteiligten Organisatoren, Arif Akkılıç und Ljubomir Bratić, im Rahmen des Festivals Wienwoche 2012 eine Initiative mit dem Slogan »Archiv jetzt!«, »Geschichtsschreibung jetzt!« und »Gleichheit jetzt!«, aus der die Initiative »Archiv der Migration« entstand. Zwar blieben die Bemühungen zur Etablierung eines Migrationsarchivs bis heute erfolglos, jedoch wurde im Jahr 2015 die Initiative Minderheiten, der Arbeitskreis Archiv der Migration und das Forschungszentrum für historische Minderheiten mit dem Projekt »Migration sammeln für das Wien Museum« betraut, woraus die Publikation Schere – Topf – Papier. Objekte zur Migrationsgeschichte (2016) hervorging (vgl. Wonisch 2020: S. 226).
Folgende Auflistung verdeutlicht, dass anlässlich des Jubiläums der österreichischen Anwerbeabkommen das Thema Arbeitsmigration in zahlreichen temporären Ausstellungen in ganz Österreich verhandelt wurde:
Angeworben! Hiergeblieben! 50 Jahre „Gastarbeit“ in der Region St. Pölten (Stadtmuseum St. Pölten, 2014);
Kommen – Gehen – Bleiben. Migrationsstadt Salzburg 1960-1990 (Marko-Feingold-Steg Salzburg, 2014);
Hall in Bewegung. Spuren der Migration in Tirol (Salvatorgasse in Hall, 2014);
Avusturya! Österreich! 50 Jahre türkische Gastarbeit in Österreich (Volkskundemuseum Wien, 2014);
Gekommen und geblieben. 50 Jahre Arbeitsmigration in Linz (Museum Arbeitswelt Steyr, 2014-2016);
Lebenswege. Slowenische Gastarbeiterinnen in der Steiermark (Graz Museum, 2016);
Unter freiem Himmel. Aus dem Leben jugoslawischer GastarbeiterInnen (Volkskundemuseum Wien, 2016);
Ajnhajtclub: Hier zuhause. Migrationsgeschichte aus Tirol (Tiroler Volkskunstmuseum, 2017).
Die gezeigten Ausstellungen, die in den Jahren 2014 und 2016 realisiert wurden und die Arbeitsmigration aus der Türkei (1964) und dem ehem. Jugoslawien (1966) thematisierten, hatten allerdings zur Folge, dass sie überwiegend den sog. Gastarbeiter~innen der 1960er-Jahre eine Plattform boten, andere Migrationsgruppen dabei jedoch unterrepräsentiert blieben. Allerdings hat die Fluchtbewegung von 2015 Eingang in die Museen gefunden. Im Rahmen des Projekts »Museum auf der Flucht« hat das Volkskundemuseum Wien die hierzu entstandene Intervention Die Küsten Österreichs (2018-2023) anschließend zur Dauerausstellung erklärt.
1.3. Forderungen eines Migrationsmuseums
In Österreich ist die Diskussion um ein eigenes Migrationsmuseum nicht neu. Bestehend aus Historiker~innen, Sozialwissenschaftler~innen, Künstler~innen und Aktivist~innen, arbeitet das Wiener Kollektiv MUSMIG (Museum der Migration) bereits seit 2019 als eine Ideenwerkstatt zusammen, um Möglichkeiten eines Migrationsmuseums zu entwickeln. Das Hauptinteresse liegt dabei vor allem in der Frage, wie das Museum der Migration entstehen und gesichert werden kann und welche Forderungen gestellt werden müssen.
Der Philosoph, Sozialarbeiter und Migrationsforscher Ljubomir Bratić, der Mitautor der Ausstellung Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration (2004) und der Kampagne »50 Jahre Arbeitsmigration – Archiv jetzt!« (2012) war, beschreibt die kritische Dimension der Forderungen in seinem Buchbeitrag Die Geburt des Museums der Migration (2020) folgendermaßen:
Wenn wir ein Museum der Migration fordern, fordern wir es nicht, um einen neutralen und neutralisierenden Ort zu schaffen, sondern kehren die Perspektive um: Weil wir einen Raum schaffen wollen, aus dem eine gewisse Unruhe in den Diskurs ausstrahlt. […]. Insofern ist das Museum, wie wir es als Museum der Migration verstehen, ein Raum, in dem die großen Fragen nach Souveränität, Emanzipation, Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Ausgeliefertsein, Normalität, Normalisierung, Sicherheit usw. gestellt und für und in der Öffentlichkeit bearbeitet werden. Ein Raum also, den wir in unseren auf Risiko getrimmten Gesellschaften sonst nirgendwo mehr haben (Bratić 2020: S. 100).
Aus dieser Perspektive ist ein Museum der Migration daher unerlässlich, um kontinuierlich einen umfassenden gesellschaftlichen Dialog über Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Migration anzuregen und einen Raum zu schaffen, der nicht als starres Gefäß musealer Traditionen angesehen, sondern als aktiver Einflussfaktor für soziale Beziehungen, Unterschiede und Vernetzungen verstanden wird.
In dieser Hinsicht organisierte das MUSMIG-Kollektiv 2019 eine Ausstellungsaktion mit dem Titel Geburt des Museums der Migration (2020), bei der Besucher~innen zusammengebracht wurden, um ein neues Museum der Migration zu gestalten. Dabei wurde nicht nur auf das Fehlen eines solchen Museums hingewiesen, sondern auch über die damit verbundenen Debatten und Widerstände reflektiert. Zusätzlich wurde während des Festivals Wienwoche 2023 ein Plenum veranstaltet, um die erste sechsköpfige Leitung des Migrationsmuseums auszuwählen, wobei auch Performances, Vorträge, Rituale und kleine Ausstellungsprojekte präsentiert wurden, die sich mit der zukünftigen Gestaltung des Migrationsmuseums auseinandersetzen. Um kritisch aufzutreten und bestehende Museen mit ihren Mängel zu konfrontieren, organisierte das Kollektiv ein Begleitprogramm, das als Diskussionsprojekt im Depot Wien angelegt war und Direktor~innen bestehender Wiener Museen einlud, ihren Umgang mit rassistischen Ausschlussmechanismen in Museen zu besprechen.[4] Im Mittelpunkt standen u.a. die Herausforderungen und Chancen, bestehende Lücken zu schließen, sowie die Frage, welche Auseinandersetzungen für das Migrationsmuseum notwendig sind. Anders als etablierte Museen, die sich vorwiegend mit der Vergangenheit befassen und möglicherweise nicht in der Gegenwart verankert sind, geht es beim Migrationsmuseum darum, ein neues Verständnis der Vergangenheit aus einer politischen Gegenwart heraus zu entwickeln und die Zukunft rückblickend zu erhoffen. Durch diese ungewöhnliche Zeitmischung, bewegt sich das Museum der Migration gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne klare Trennlinien zwischen diesen zu ziehen (Bratić 2020: S. 95). Vor diesem Hintergrund stellt sich daher auch die Frage, welche Ausstellungspraxis eine solche Gleichzeitigkeit erfordert, die über nationale Perspektiven hinausgeht und stereotype Vorstellungen außer Acht lässt.
Struktur der Arbeit
Der Frage nach einer adäquaten Ausstellungspraxis für ein Museum der Migration nachgehend, beschäftige ich mich mit Ausstellungen, die Migration in Ansätzen oder in ihrer Gesamtschau behandeln. Um zu zeigen, wie temporäre Ausstellungen mit Migration umgehen, werde ich einerseits historische Ausstellungen im deutschsprachigen Raum unter die Lupe nehmen und kritische Darstellungsformen untersuchen, die Klischees aufbrechen wollen und tradierte Sichtweisen in Frage stellen. Die skizzierte Auswahl soll dabei zeigen, wie sich Denkräume eröffnen, die der Komplexität von Migration durch eine breite Fülle an Sicht- und Herangehensweisen gerecht werden. Anderseits untersuche ich wie österreichische Museen mit dem Prozess des Einschreibens migrantischer Geschichten in ihren Dauerausstellungen umgehen und sich das Selbstverständnis nationaler Institutionen auf ihre jeweiligen Ausstellungen auswirkt bzw. inwiefern sich deren Formate innerhalb der sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen von Migration auszeichnen. Mit der Berücksichtigung unterschiedlicher Kulturen, stelle ich im weiteren Verlauf die Frage wie sich kulturelle Vielfalt denken, erforschen und erzählen lässt und welche Anforderungen und Voraussetzungen sich daraus für die kuratorische Praxis ergeben, in der Ausstellungen als Handlungsräume gefasst und transkulturelle Perspektiven einbezogen werden.
Fortsetzung im Buch!
[1] In seinem Leitfaden zur Integration von Themen wie Migration und Diversität definiert der Deutsche Museumsbund Diversität als eine »Differenz von Lebenskonzepten«, die jede Form von Unterschiedlichkeit »in Bezug auf kulturelle und ethnische Hintergründe, Sexualität, Glaube und Lebensstile« wertschätzt (vgl. Museen, Migration und kulturelle Vielfalt – Handreichungen für die Museumsarbeit, Deutscher Museumsbund e.V. Berlin 2015, S. 32). URL: https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2017/03/leitfaden-kulturellevielfalt.pdf (11.10.2024).
[2] In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Wort »poliziert« (franz: policé) in den modernen europäischen Sprachen von den Begriffen »zivilisiert« oder »kultiviert« ersetzt.
[3] Im europäischen Kontext sind folgende Museen zu nennen: Das Museo de Historia de la Immigración de Cataluña in Barcelona (2004); das Musée de l’Immigration in Lausanne (2005); das Cité national de l’histoire de l’mmigration in Frankreich (2007) und das Museon Nazionale delle Migrazioni in Italien (2022).
[4] Die sieben Teilnehmer~innen waren: Matthias Beitl, Direktor des Volkskundemuseums Wien; Matti Bunzl, Direktor der Museen der Stadt Wien; Martina Griesser-Stermscher, stellvertretende wissenschaftliche Leitung des Technischen Museums Wien; Georg Hoffmann, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums Wien; Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands; Monika Sommer, Direktorin des Hauses der Geschichte Österreich; und Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums Wien (vgl. Wojcik/Wittfeld 2024 S. o.A.). URL: http://first-research.ac.at/wp-content/uploads/2024/07/Folien-Impulsvortraege-23_05_2024.pdf (11.10.2024).
