Kolumbianische Boden(ge)schichten:
Reisende Notizbücher

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Laute Post: Weitererzählungen aus Kolumbien, Rerelatos Colombianos

Für seinen Physikalischen Atlas (Erster Band: 1845) hat Alexander von Humboldt allerhand Messungen und Daten erzeugt, die eine exakte Abbildung der Realität behaupten. Weder die Erstellung von Karten noch deren Verwendung kann jedoch als neutral gelten. In den Händen des Kapitalismus werden Karten auf vielfältige Weise instrumentalisiert: um Kontrolle über öffentliche Räume zu rechtfertigen, um Grenzen zu legitimieren und um natürliche Ressourcen auszubeuten. Somit sind Karten mächtige Werkzeuge, die die Realität nicht nur repräsentieren, indem sie symbolische Ordnungen und Hierarchien verzeichnen, sondern gleichzeitig bestimmte Realitäten hervorbringen. Darüber hinaus leben wir in einer völlig kartografierten Ära, in der alle unsere Gesten und Reiserouten registriert werden, sei es beim Verkehr auf der Straße, beim Austausch von Nachrichten und Dokumenten über das Internet oder beim Überschreiten physischer oder symbolischer Grenzen. Eine legitime Frage lautet daher, ob es heute überhaupt noch sinnvoll ist neue Karten zu produzieren? Die Antwort liegt in der Art der eingetragenen Informationen begründet, welche wiederum dazu in der Lage sein sollten, die der Karte an sich zugrundeliegenden Mechanismen aufzudecken. Schlussfolgernd sollten Gegenentwürfe gängige Sichtweisen und Vorstellungen von sozialen Räumen verändern, um neue Diskussionen zu produzieren. Als Gegenentwürfe sind Beiträge zu verstehen, die sowohl mit der kolonialen Tradition brechen, als auch neue Imaginationen erzeugen. In unserer Gegenkartografie geht es daher weniger darum erschöpfende Informationen zu sammeln, als vielmehr über die Behauptung einer richtigen Darstellung traditioneller Karten hinauszugehen.

Auszug aus Archäologie der Erinnerung. Kolumbianische und andere Boden(ge)schichten. In: Harrasser, Karin; Sander, Sarah (Hg.): Laute Post. Weitererzählungen aus Kolumbien. Rerelatos Colombianos. Wien: Sonderzahl, S. 253-274. In Zusammenarbeit mit Judith Pfister.


[…] Es gibt unterschiedliche Arten zu Reisen. Die Zeitreise, den Finger auf der Landkarte, ist eine Möglichkeit davon: Gestern erst wurde ich aus dem Jahr 2020 in die Vergangenheit zurückversetzt, als ich im aufgeschlagenen Kosmos entlang von dem »Laufs des Orinoco« bis hin zum »Versuch einer Schlangenkarte« mit meinem Augenfinger schlängelte, um mich schließlich in Humboldts Zeit wiederzufinden. Von einer ›Entdeckerin‹ in eine ›Naturforscherin‹ verwandelt, plagte mich mein schlechtes Gewissen über meine mögliche Rolle als privilegierte ›Kolonialistin‹. Im physikalischen Atlas sind die Seiten voll mit geometrischen Konstruktionen und Linien – durchgezogene, gestrichelte und auch durchkreuzte. Umgeben von kursiver Typografie, unzähligen Abkürzungen, Pfeilen und feinen Schraffierungen kann ich mich vollends in der Vergangenheit einfinden. Im Gegensatz zu Humboldts bunt gezogenen Handlinien, die ab und zu ungelenk wirken, sind digitale Karten nahezu vollkommen. Trotzdem stellen auch diese flächendeckenden Kompilationen eine verzerrte Welt dar, in der die Entfernungen oder die Verhältnisse der Flächen letztendlich nicht stimmen. Die Haltung dahinter: ein gottgleicher Über-Blick mit vermeintlich objektivem Wahrheitsbefinden.

Cali fällt, wie alle anderen kolumbianischen Städte aus der kolonialen Gründungszeit, durch ein schachbrettartiges Straßenbild auf. Es zeigt die typische quadratische Grundform der spanischen Kolonialstädte des 16. Jahrhunderts. Die Straßen verlaufen rechtwinklig zueinander und im Zentrum findet sich stets ein offener Platz mit einer Kirche. Statt Namen tragen die Straßen Nummern. In Richtung Nord-Süd verlaufen die calles. In Richtung Ost-West die carreras. Ganz im Westen liegt die calle 1 und im Norden carrera 1. In Richtung Süd-Osten steigen die Zahlen an und in Richtung Nord-Westen fallen sie auch wieder ab. Trotz dieser logischen, ineinander aufgehenden kolonialen Raumordnung verirre ich mich unzählige Male. Täglich ein bis zwei Mal – ich könnte zählen!

Wie soll man sich auch zurechtfinden? Auf den Straßen, in den Labyrinthen, manchmal sogar auf dem Meer? Wohin sich wenden, um wohin zu gelangen? Die unangenehmen Folgen der Ungewissheit waren für Humboldt der Grund dafür, dass er sich gezwungen sah, immer wieder von Neuem zu beginnen. Schließlich war er damit beschäftigt, den geschichteten Erdaufbau aus einer zuverlässigen Reihung zu beschreiben, die sich durch eine konstante, aufeinanderfolgende Ablagerung bildet. Humboldts Stimme aus der Dislokation!

Welches Beziehungssystem hier also beschreiben? Kreisförmige Kausalität? Schwindelerregende Spiegelung? Gar eine erneute Wiederholung, entsprechend Humboldts Wünschen? Statt einer zuverlässigen Richtschnur kolonialer Regimes, soll es ein Emotionen-Denken werden – eine von Leidenschaften strukturierte Erinnerungsleistung, die nicht für die ewiggleiche Regelmäßigkeit kalter Fakten sorgt. Der Raum selbst durchlebt die Wandlung und verlangt nach Karten, die Abwechslung verzeichnen in ihren unzähligen Niveaus.

Zurück zum Boden! Während der Reise habe ich meinen Notizbüchern unzählige Tatsachen anvertraut. Zuvor beschäftigte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes tiefer mit dem Thema Boden und wendete mich dessen Funktionen und Geheimnissen zu. Während meiner Feldstudien in Südafrika entnahm ich Bodenproben unterschiedlicher Moore und untersuchte deren Entstehungsgeschichte. In diesen Breitengraden wächst ein Moorboden ein Millimeter pro Jahr, wobei ich einige Böden untersuchte, die bis zu 5 Meter tief waren. In dieser Tiefe fand ich das 5000-jährige Samenkorn, welches seit dem Teil meiner afrikanischen Sammlung ist. Neben den natürlichen Funktionen, wie sie das deutsche Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) beschreibt, übernehmen Böden Archivierungsfunktion, da sie Natur- und Kulturgeschichte konservieren. Schicht über Schicht lagern sich Bodenhorizonte übereinander und archivieren winzigste Samenkörner und Knochen wie auch Behausungen vergangener Zeiten. Wer in dem Boden-Archiv wühlt, kann so einiges finden. Zum Beispiel Tote, die unter der Erde das tun, was man als ›ruhen‹ bezeichnet. Die Ewige Andacht bedeutet in unserer ›versteinerten‹ europäischen Bestattungskultur das Anrecht auf ein 25-jähriges ungestörtes Grabliegen. Ein Liegen auf gemieteter Zeit. In Berlin, wo die Bestattungszahlen auf den innerstädtischen Friedhöfen rückläufig sind, gibt es Friedhöfe, die im übertragenen Sinne ›aussterben‹ und Freifläche bereitstellen. Ich sehe ein, dass es unzählige Arten gibt, mit dem Tod und der Erde umzugehen. Urbane Friedhofsgärten, zum Beispiel, sind eine Idee, um die sonst leerstehenden Grünflächen sinnvoll nutzen zu können. Neben den vereinsamten Toten werden vermehrt Beete angelegt, die pflanzliche Cellulose aus der Bodenmasse bilden. Durch Sonnenlicht und Wasser angeregt, wachsen Pflanzen, die sich die zersetzten Moleküle der dort begrabenen Menschen zunutze machen. Ist es pietätlos, wenn ich deren Moleküle in pflanzlicher Form verspeise? Oder wird nicht sowieso alles durch molekulare Zersetzung anonymisiert, sodass man ruhigen Gewissens das Risiko der Fiktionalisierung vollziehen kann? Im Februar 2019 fand ich mich also, unter welchem Namen auch immer, u.a. in Cali und situierte mich in der Museumslandschaft vor Ort. Ich zählte Radfahrer~innen, sammelte Samen und Namen, darüber hinaus schwelgte ich hier und da in der Fülle tropischer Sphären. Spätestens bei meiner Abreise hatte ich mich in eine Schriftstellerin verwandelt, die nun aus einer Ethik der Selbsterfindung schreibt.

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Humboldstraßen in Berlin

Vermessung der Textabschnitte

Im Feld unserer Erinnerungen haben wir verschiedene Ablagerungsschichten in Textform gestaltet, die natur- und kulturwissenschaftliche Methoden ineinander auflösen, um sie neu zu verflechten. In einer ungleichmäßigen Anhäufung und Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit werden darüber hinaus Verbindungen zu alten tiefen Strukturen, im Sinne der longue durée, ersichtlich. Darin zeichnen sich komplexe langatmige Geschichten ab. Geschichten der Seewege und der Globalisierung: weltweite Warenströme, Ankäufe und Verkäufe, Handelsposten, Wirtschaftszonen und globale Kommunikationssysteme, Migration und Vertreibung, Kultur als Transfer. Um von einer Entkolonialisierung überhaupt sprechen zu können, müssen wir, ausgehend von historischen Praktiken, die weiterhin Gültigkeit besitzen, unsere eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Kontexte einbringen und weiterentwickeln.

Die kolumbianische Hafenstadt Buenaventura, am Pazifik gelegen, mobilisiert aktuell etwa 60% aller Waren, die durch Kolumbien zirkulieren. Währenddessen sind die dort situierten communities – fastausschließlich afrokolumbianische – mit bewaffneten Konflikten, Drogenhandel und struktureller wie auch individualisierter Gewalt konfrontiert. Kolumbien durchlebt zudem ein komplexes Szenario, in dem sich fortlaufend die Logik territorialer Kontrollen ändert. Die aktuellen Konflikte sind eingebettet in den Prozess rund um die Friedensverträge zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC). Derzeit werden neue territoriale Grenzräume gebildet, innerhalb derer der globale Kapitalismus seine Akkumulation neu konfiguriert, um u.a. den Raubbau von Ressourcen weiterführen zu können. Im gegenwärtigen Post-Konflikt rückt auch das Verhältnis von Erinnerung und Geschichte ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Es wird eine Terminologie bezüglich Erinnerung im Zusammenhang mit Menschenrechten und dem humanitären Völkerrecht einführt, um begangene Massaker und Gewalttaten zunächst benennen zu können und diese in weiterer Folge auch verständlich und klassifizierbar zu machen (vgl. Aparicio 2017: 346). »This recognition is demonstrated through a whole industry dedicated to the extraction of testimonies materialized in the Historical Memory Commission; in the parks and monuments dedicated to memory; the creation of academic programs analyzing conflict resolution and peacebuilding; in the presence of organizations, activists, and functionaries of national and international humanitarian organizations, among many more« (ebd. 2017: 334).

Die vielschichtige Gesellschaft Kolumbiens ist aktuell mit einer Vielzahl gegenstrebiger Phänomene und Herausforderungen konfrontiert; konkreter ließe sich hinsichtlich der Geschichtsschreibung nach der Art und Weise fragen, wie bestimmte Erinnerungen zirkulieren und wie eine kohärente Geschichtsschreibung festgeschrieben wird. Im Kontext staatlicher Reparationsleistungen und Anerkennungspraktiken von Opfern des bewaffneten Konflikts wird wiederum eine Hierarchie in Bezug darauf ersichtlich, wer anerkannt wird, warum und wann. Innerhalb rassistischer, sozioökonomischer und territorialer Spannungen werden kritische wie auch ambivalente Stimmen aus der offiziellen Erinnerungskultur weiterhin nicht gehört und einer Politik des Vergessens überlassen. Zum Beispiel werden Frauen im kolumbianischen Kontext des Konflikts in der Regel als Opfer dargestellt. Auch wenn Frauen in der Tat Opfer von Gewalt geworden sind, schließt diese Darstellung doch die Erfahrung von Frauen aus, die sich illegalen bewaffneten Gruppen angeschlossen haben, um aktiv zu kämpfen. Daraus ergibt sich die folgenschwere Situation, dass die besagten Frauengruppen auch in den Friedenverhandlungen, wie auch bei der Planung und Durchführung von Entwaffnungs- und Reintegrationsprogrammen weiterhin übersehen werden, was sich auf deren konkrete Bedingungen während des Übergangs zum Zivilleben negativ auswirkt. Es braucht eine ausdifferenzierte Anerkennung unterschiedlicher Realitäten, deren individuelle Geschichten ins kollektive Gedächtnis aufgenommen werden.

Der französische Philosoph Jacques Rancière, der für seine Arbeiten zur politischen Philosophie und Ästhetik bekannt ist, schreibt: »Die Aufteilung des Sinnlichen macht sichtbar, wer je nachdem, was er tut, und je nach Zeit und Raum, in denen er etwas tut, am Gemeinwesen teilhaben kann. Eine bestimmte Bestätigung legt somit fest, wer fähig oder unfähig zum Gemeinwesen ist. Sie definiert die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit in einem gemeinsamen Raum und bestimmt, wer Zugang zu einer gemeinsamen Sprache hat und wer nicht« (Rancière 2008: 26).

Die Unterteilung von Zeiten und Räumen in Sichtbares und Unsichtbares sowie Rede und Lärm, bestimmt die Form sinnlicher Erfahrungen und der politischen Ästhetik. Schließlich kann es keine Ästhetik geben, die nicht auch ethisch ist und keine Politik, die nicht auch ästhetisch wirkt. Ästhetik ist deshalb, mit Rancière gesprochen, das Herzstück eines guten Lebens, die das Vergnügen der Sinne und des Geistes betrifft, wie auch das Vergnügen von Integration und Integrität. Unserer Vorstellung entsprechend ist Politik immer auch eine Frage nach einem guten und ästhetisch gelebten Leben für alle. Umso mehr müssen wir tiefere Fragen stellen und immer umfassender darüber nachdenken, was es heißt, gut zu leben und wie wir dies erreichen können. In dieser ästhetisch-ethisch-politischen Zone operiert auch das Archiv an der Schnittstelle zwischen Eingeschlossenem und Ausgeschlossenem, wie auch zwischen objektiver und subjektiver Ausformulierung. Ästhetik ist daher nicht zuletzt eine Frage der Vermittlung; Vermittlung als jener Moment, in dem diese politisch wird.

Verhältnisse zum Flirren bringen

Einem Buch voller Erinnerungen, das durch seine Abgeschlossenheit und erzwungene Linearität in einen Fließtext mündet und eine geordnete Welt propagiert, möchten wir einen Text entgegenhalten, der von dem Begehren angetrieben wird, diesen Raum mit unseren verschachtelten Konfigurationen wie in einer archäologischen Ausgrabung zu durchlöchern. An den besuchten Orten werden verschiedene Einzelproben entnommen, in einen Behälter gefüllt und beschriftet:

Bodenprobe 1: Labyrinthische Vorstellungswelt. Ort: Siloé, Cali in Kolumbien. Datum: Februar 2019 

Um Rückschlüsse auf Bodenfruchtbarkeit, Wasserspeicherkapazität und Porengröße ziehen zu können, nahm ich Bodenproben, die ich im Labor trocknete und anschließend mithilfe verschiedener Methoden analysierte. Im ›Tageslicht‹ des naturwissenschaftlichen Forschens habe ich klare Schemata und Interpretationsraster befolgt: Struktur und Objektivität.

Methodenrelativismus würde nicht nur den transzendentalen Glanz dieser Forschungsweise trüben, zusätzlich würde es Epocheneinteilungen durchmischen, indem es sich alten Hexer~n zuwendet, die Prophezeiungen aus Schicksalsbüchern vorhersagen. Im Zeichen des jeweiligen Tages würde das günstige Geschick dann gänzlich auf natürlichen Götzen lasten. Stattdessen: »The Indians had to be properly taught the sources of springs and rivers, how the lightning is forged in the sky, how the waters freeze, and other natural phenomena, which their teacher will have to know well« (Taussig 2010: 175).

Wenn das Sonnenlicht auf den Boden strahlt, dann überträgt sich die Nobilität des Lichts auf jene glänzende Oberfläche, die Menschen seit jeher aufgrund ihre Sonnenhaftigkeit bewundern: Gold, das Sonnenmetall. Beeindruckt vom feinen Schmuck, in unzählige Tierformen gegossen, lasse ich mich von einer pompösen Lichterschau im Goldmuseum von Bogotá berauschen. Haben sich die alten Europäer bei ihrer Ankunft El Dorado, das Goldland, so imaginiert? Ich bin verwirrt! In dem Ort Pasca südwestlich von Bogotá wurde im Jahr 1969 ein rund 20cm langes Floß (um 1200-1500 n.Chr.) aus purem Gold gefunden. Dargestellt werden stehende Ruderer und eine größere Figur in der Mitte des Floßes, die vermutlich den Häuptling der Muisca darstellt, der jährlich Goldopfergaben in der Mitte eines Sees versenkte. Zuvor wurde der Häuptling jedoch selbst mit Goldstaub bedeckt, ein Initiationsritus auf dem Weg in eine andere Welt.

Ob transzendentales Licht Gottes oder rauschhaftes Feuer der Hölle: Die Raumteilung von Ober- und Unterboden hatte schon lange die Funktion, die Oberflächennutzung vom Abbau der Rohstoffe zu trennen. Hoch im Kurs: Das »Schwarze Gold«, ein fossiler Brennstoff.

Im Vergleich zu herkömmlichem Brennmaterial zeichnet sich Kohle durch seinen hohen Energiewert aus – alte Sonnenenergie, von Pflanzen in Cellulose verwandelt. In Cali beginnt die Geschichte der Kohle im Stadtteil Siloé, wo die Steinkohle bereits im Tertiär entstand, das heißt vor 65 Millionen Jahren. Zu der Zeit bildeten sich große Moore, die organisches Material, darunter Pflanzen und kleine Tiere, unter anaeroben Bedingungen, meist unter Wasser, zu Torf verwandelten. Die Zersetzung ist ein sehr langsamer Prozess, bei dem die Entwicklung einer zentimeterstarken Torfschicht bis zu zehn Jahre dauert. Unter Druck und höheren Temperaturen entsteht schließlich Kohle, ein kostbarer, jedoch begrenzt verfügbarer Rohstoff – komprimierte, brennbare Energie.

Im Falle Siloés steht die Nutzung des Bodens als Rohstofflieferant in Konkurrenz mit seiner Nutzung als Siedlungsfläche. Die Besiedlung des Stadtteils begann mit der Vertreibung und Flucht von Menschen aus der Region Viejo Caldas während des Bürgerkrieges zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie siedelten sich an den Westhängen Calis an und gingen ihrer ursprünglichen Tätigkeit als mineros, dem Bergbau, nach. Noch heute ist das Wohnviertel der Comuna 20, Siloé, für seine illegalisierten Kohleminen bekannt, deren Eingänge sich in den kellerlosen Wohnhäusern befinden und geheim gehalten werden. Die Häuser und Hütten stehen auf den Minen, Schächten und steilen Abhängen und erzeugen geheime Durchgänge und Übergänge, verbotene Wege und Sackgassen, die plötzliche Abkürzungen ermöglichen. Diese labyrinthischen Tunnelsysteme habe ich niemals besuchen können. Stattdessen tigerte ich unter glühender Sonne durch die verwinkelten Straßen eines städtischen Dschungels, der keine kolonialen Straßensysteme kennt. Geschweige denn Karten!

Der Tunnel, ein Nicht-Ort meines räumlichen Verständnisses. Hier endet die menschliche Welt durch eine diabolische Operation: Statt dem Symbol das Diabol – Zeichen mit abgerissener Bedeutung. Was ist der Teufel, wenn er, aus Mineralien wie Erde, Ton und Glas geformt, nach Koka und Zigaretten rufend zur gleichen Zeit wie ein blonder, rotgesichtiger Gringo den Minenbesitzer versinnbildlicht? (vgl. Taussig 2010: 143). Für mich ein ungeklärtes Zeichen, das stets zu einer unheimlichen Empfindung führt, es sei denn, es wird zu einer poetischen Geste der Möglichkeit in der Unmöglichkeit: »El diablo esta por aqui… No lo podemos tocar pero la sombra y la trompa se la vamos a pisar«. Rhizomatische Reihen relativer Verbindungen?

Im nächtlichen Regime meiner Vorstellungskraft brodeln Geschichten, die mich stets aufs Neue verwirren, mich zwischen imaginären und authentischen Ereignissen hin und her schieben: Kindheitserinnerungen, Alltagsgeschichten, die Allegorien einer trüben Unvollständigkeit…

Fortsetzung im Buch!

Laute Post zu spielen ist ein paradoxer Vorgang, denn die Stille Post übermittelt eigentlich diskrete Botschaften von Einzelperson zu Einzelperson. Die hier versammelten Weitererzählungen aus Kolumbien / Rerelatos Colombianos haben dagegen eine andere Form: Sie richten sich an eine öffentliche Leser:innenschaft und wollen das in Kolumbien Erlebte und Gehörte als persönliches und politisches Anliegen weitererzählen. Der Band versammelt ein breites Spektrum an unterschiedlichen Texten, die von Aktivismus und Freundschaft erzählen. Selbstethnographien und verortete Erinnerungen, Interviews mit kolumbianischen Aktivist:innen und Kollektiven, Erweiterungen und Reflexionen, die eine Zwischenbilanz der Beschäftigung mit dem in Kolumbien Gehörten und Erlebten darstellen.


340 Seiten, 12 x 19 cm; Januar 2021; ISBN: 978-3-85449-577-2