
Bei der Suche nach geeigneten Formen des Gedenkens in heutigen memorialkulturellen Projekten gerät oft in den Hintergrund, dass die offizielle Erinnerungskultur zunächst einmal erkämpft werden musste. Über viele Jahrzehnte waren es vor allem die Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Erinnerung wachhielten. Sie teilten ihr Wissen mit Journalist∼innen und Besuchergruppen und nutzten Medien, um die Verbrechen bekannt zu machen. Besonders wichtig war es, Zeitzeugen zu finden, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen und der Gesellschaft die grausame Realität der Konzentrationslager bewusst zu machen. [1] Nach Jahrzehnten des Ringens um Erinnerung und gegen das Verdrängen, Leugnen und Vergessen der nationalsozialistischen Massenverbrechen durch Organisationsverbände der Überlebenden sind Gedenkstätten heute staatlich anerkannte und professionell betriebene Einrichtungen, die nicht mehr um öffentliche Wahrnehmung ringen müssen. In der immer stärker professionalisierten Gedenkstättenlandschaft verstehen sich Gedenkstätten als zeithistorische Museen, die aufgrund ihrer Vergangenheit als ehemalige nationalsozialistische Konzentrationslager besondere Merkmale aufweisen. Trotz gewisser Gemeinsamkeiten mit klassischen Geschichtsmuseen unterscheiden sie sich dahingehend, dass sie zugleich historische Denkmale, Tatorte des Verbrechens und des Leidens, konkrete und symbolische Grabstätten sowie wissenschaftlich und pädagogisch fundierte Bildungsorte sind (vgl. Sternfeld 2018: S. 132). Um den vielschichtigen Aufgaben gerecht zu werden, entstand ab den 1990er-Jahren ein Gedenkstättendiskurs, der stark von Selbstreflexion geprägt ist. In der selbstkritischen historischen Bildung, die von der konkreten Geschichte des Ortes ausgeht und auf die Gegenwart abzielt, muss Geschichte stets aufs Neue im Kontext der Gegenwart verhandelt werden, denn die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart bleibt grundsätzlich offen und verlangt nach Debatte. In der Vermittlung stellt sich daher die Frage, wie Geschichte an Erinnerungsorten unter den Bedingungen wissenschaftlicher Wissensproduktion kommunizierbar wird.
In den gedenkstättenpädagogischen Zielen, Prinzipen und Methoden, die zentrale Bereiche der Ausstellungsgestaltung, Vermittlung und Betreuung der Besucher∼innen betreffen, kommt es konkret auf eine lehrende Wissensvermittlung und auf eine Praxis des aktiven Erlernens der Wissenschaft an. Für die Wissenschaftsdidaktik ist es folglich wichtig zu verstehen, welche Anforderungen die Vermittlung von Wissenschaft stellt, um das Lernen und Verstehen zu fördern. Dabei geht es darum, die geeigneten Methoden zu finden, die den Lernprozess unterstützen und den Erfolg der Wissensaneignung sicherstellen. Auch nicht-pädagogische Wissenschaftskommunikation erfordert Kenntnisse über die Bedingungen, die für ihren Erfolg notwendig sind, sowie über die Formen und Prozesse der Darstellung und Aufnahme von wissenschaftlicher Erkenntnis. Schließlich hängt der Erfolg von spezifischen Moderationsanforderungen ab, da die Kommunikation in außer-wissenschaftlichen Kontexten die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Expertise und gesellschaftlichen Perspektiven berücksichtigen muss. Jedoch existieren hinsichtlich der Wissenschaftskommunikation vielfältige Auffassungen, die von engen bis zu breiten Ansätzen reichen. Der engere Ansatz fokussiert sich auf Öffentlichkeitsarbeit und Wissensmarketing. Tatsächlich kann Wissenschaftskommunikation jedoch nicht einzig auf Pressemitteilungen und Social-Media-Aktivitäten reduziert werden. Das weit gefasste Verständnis umfasst hingegen alle Formen der Kommunikation, die sich auf wissenschaftliches Wissen beziehen, einschließlich seiner Entstehung, Inhalte, Nutzung und Auswirkungen, wobei dieses Verständnis jedoch wenig Raum für die Abgrenzung wissenschaftlicher Aspekte lässt, die nicht als Wissenschaftskommunikation gelten (vgl. Pasternack 2024: S. 39f.). Folglich gibt es vielfältige Ansätze wissenschaftsbezogener Kommunikation, weshalb die zentrale Frage dieser Arbeit lautet, wie das Konzept der Wissenschaftskommunikation zu verstehen ist und wie die verschiedenen Gestaltungsformen und Prozesse miteinander interagieren.
Verständnis von Wissenschaftskommunikation
Als Wissenschaft wird ein systematischer, methodisch reflektierter und institutionalisierter Prozess zur Erkenntnisgewinnung gemeint, dessen Ziel darin besteht, die vielfältige Welt rational zu erfassen und durch »Selektion, Akzentuierung und Abstraktion so überschaubar zu machen, daß der Mensch sich in dieser Realität behaupten und sie immer besser handhaben kann. Wissenschaft existiert also nicht um ihrer selbst willen, sondern sie hat eine dienende Funktion« (Maletzke 2005: S. 11). In dieser Funktion ist das Konzept der Kommunikation von zentraler Bedeutung, wobei sich Wissenschaftskommunikation mit der gezielten Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Methoden und Prozessen beschäftigt. In einem weiten Verständnis lässt sich Wissenschaftskommunikation in drei Hauptbereiche unterteilen: den Austausch aus der Wissenschaft heraus, die interne Kommunikation innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft und die Interaktion mit der Gesellschaft außerhalb des Wissenschaftssystems. Die Kommunikation aus der Wissenschaft heraus umfasst die Weitergabe von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden an Menschen oder Organisationen außerhalb des wissenschaftlichen Umfelds. Hierbei findet ein Austausch zwischen Fachleuten und Laien statt. Die interne Kommunikation wiederum beschreibt die Verständigung zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wobei es wichtig ist, eine gemeinsame Grundlage für den Austausch zu schaffen. Darüber hinaus existiert die Kommunikation außerhalb des Wissenschaftssystems, wie sie beispielsweise im Wissenschaftsjournalismus praktiziert wird. Wissenschaftsjournalist∼innen, die nicht direkt Teil des Wissenschaftssystems sind, bereiten komplexe Themen für ein breites Publikum verständlich auf (vgl. Reinmann 2024: S. 324f.). Wissenschaftskommunikation fungiert somit als Brücke zwischen Forschung und Gesellschaft, indem sie den Austausch von Wissen erleichtert, das Verständnis und die Akzeptanz wissenschaftlicher Themen stärkt und die aktive Teilhabe am wissenschaftlichen Dialog fördert. Gerade im Kontext einer KZ-Gedenkstätte spielt sie eine zentrale Rolle, da sie hilft, wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Wissenschaftsdidaktik an KZ-Gedenkstätten
Die meisten Menschen, die Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus besuchen, gehören Generationen an, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Für sie ist der nationalsozialistische Terror ein Teil der Geschichte. Manche kommen mit der Erwartung, das Grauen der Vergangenheit nachempfinden zu können, müssen jedoch erkennen, dass eine unmittelbare Begegnung mit der Vergangenheit nicht möglich ist. Stattdessen erfordern die Spuren von KZ-Gedenkstätten eine bewusste Auseinandersetzung, Interpretation und Verarbeitung. Die Bedeutung der KZ-Gedenkstätte erschließt sich folglich nicht allein durch das, was sichtbar ist. Da historische Überreste ihre Bedeutung nur für diejenigen offenbaren, die bereits über Vorwissen verfügen, ist es Aufgabe der Gedenkstättenpädagogik Kontexte bereitzustellen und eine tiefere Auseinandersetzung zu ermöglichen. Pädagogische Mitarbeiter∼innen spielen dabei eine zentrale Rolle, indem sie nicht nur historische Fakten liefern, sondern die Besucher∼innen dazu anregen, sich aktiv mit den Geschichten der Opfer, der Täter und des Umfelds auseinanderzusetzen. Schließlich bedürfen aufgezeichnete Zeitzeug∼innenberichte einer gezielten Auswahl und Einordnung, um sie nicht nur passiv zu konsumieren, sondern als persönliche und gleichzeitig exemplarische Erfahrungen verstehen zu können. Insgesamt geht es bei der pädagogischen Arbeit an der KZ-Gedenkstätte folglich nicht nur um Wissensvermittlung oder bloßes Erinnern, sondern vor allem darum, Reflexionen über die historische Tragweite der Geschehnisse und ihre Relevanz für die Gegenwart anzuregen. Reflexion bedeutet in diesem Zusammenhang eine bewusste und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit Geschichte, wobei Gedenkstätten vielfältige Zugänge bereitstellen, indem sie unterschiedliche Lernorte wie den historischen Schauplatz, Ausstellungen, Archive, Denkmäler oder Seminar- und Forschungsräume vereinen. Daraus ergeben sich wichtige didaktische Fragen: In welcher Weise werden diese Orte genutzt – dienen sie als historische Quellen, als Grundlagen für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder als Stätte des Gedenkens? Welche Orte eignen sich besonders für die Vermittlung historischer Inhalte und welche didaktischen Methoden sind für die verschiedenen Lernorte angemessen? Diese Fragen stehen in einem engen Zusammenhang mit der Wissenschaftsdidaktik, die sich systematisch mit den Zielen, Bedingungen und Strukturen wissenschaftlicher Disziplinen auseinandersetzt. Sie untersucht insbesondere, wie Vermittlungsprozesse die Forschung selbst beeinflussen und formen. In diesem Kontext wird deutlich, dass die Art und Weise, wie Geschichte an KZ-Gedenkstätten vermittelt wird, nicht nur das Geschichtsbewusstsein prägt, sondern auch Rückwirkungen auf die historische Forschung selbst haben kann. Mit anderen Worten: Die Art und Weise, wie Themen präsentiert, Quellen genutzt und Narrative vermittelt werden, prägt die Wahrnehmung der Vergangenheit und kann darüber hinaus auch neue wissenschaftliche Fragestellungen anregen. Somit sind KZ-Gedenkstätten nicht nur Orte des Erinnerns, sondern auch dynamische Lernräume, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden – indem sie historische Erkenntnisse vermitteln, Reflexion anregen und zugleich neue Perspektiven auf die Erforschung der Geschichte eröffnen.
Struktur der Arbeit
Um eine erweiterte Analyse der Mechanismen einer erfolgreichen Kommunikationspolitik an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen durchführen zu können, ist es zunächst notwendig, die theoretischen Grundlagen wissenschaftlicher Kommunikationstechniken zu definieren und einzuordnen. Dabei werden die zentralen Funktionen der Wissenschaftskommunikation und deren didaktische Ansätze herausgearbeitet, um ein besseres Verständnis für deren Rolle in der Vermittlungsarbeit zu schaffen. Vor dem Hintergrund dieser Grundlagen widmet sich der darauffolgende Abschnitt einer überblicksartigen Betrachtung der internen und externen Rahmenbedingungen, die maßgeblichen Einfluss auf die Kommunikationsstrategie und die didaktische Vermittlungsarbeit an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen haben. Dazu gehören gesellschaftliche und technologische Gegebenheiten sowie spezifische Herausforderungen im Kontext der Erinnerungskultur. Anschließend werden im Rahmen von weiteren Analysen des strategischen Managements gezielte Maßnahmen und Handlungsempfehlungen entwickelt, die dazu beitragen, die Vermittlungsarbeit an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zu optimieren und eine effektive, reflektive sowie nachhaltige Kommunikationspolitik zu gestalten.
Fortsetzung im Heft!
[1] In Mauthausen spielte der ehem. amerikanische Häftling Jack H. Taylor eine bedeutende Rolle, der einen Bericht mit Aussagen von Überlebenden, SS-Dokumenten und Fotos zusammenstellte. Der sog. Taylor-Bericht stellte ein wichtiges Beweismittel im Nürnberger Prozess und in den ab 1946 geführten US-amerikanischen Dachauer Mauthausen-Prozessen dar.
